26. April – 25. Mai. 2026
Villa Berberich
Parkstraße 1, 79713 Bad Säckingen
Einführungsrede von Dr. Jürgen Glocker, Kulturreferent
Nach diesen Vorreden, was bleibt mir da noch zu sagen?
lieber Stefan Bergmann,
liebe Frau Bergmann,
meine Herren Bürgermeister,
Frau Stanzel,
sehr geehrte Damen und Herrn,
womit kann ich Ihnen jetzt noch dienen in meinem Kaufladen der kleinteiligen Ideen?
Vielleicht sollte ich zuerst drei mögliche Missverständnisse ausräumen.
Heute geht es um 80 Jahre Stefan Bergmann und um 60 Jahre Malerei, also um zwei, sagen wir mal, zwei Jubiläen. Man könnte auch anders formulieren: Zwei Geburtstage. Und zum Geburtstag bekommt der Jubilar gewöhnlich Geschenke. Alles Andere wäre in hohem Maße unfreundlich. Ein harscher Bruch des Rituals.
Aber was geschieht hier? Heute beschenkt das Geburtstagskind u n s mit einer grandiosen Ausstellung und im Herbst gleich nochmal mit dem zweiten Teil, mit einer Präsentation im Hans-Thoma-Kunstmuseum, dessen Leiterin Margret Köpfer ich gleichfalls unter uns begrüßen darf.
Verkehrte Welt also. Der Jubilar beschenkt die geladenen Gäste. Und wir können dieser verkehrten Welt nur einigermaßen entsprechen und sie korrigieren, indem wir der zweiteiligen Bilderschau die größtmögliche Aufmerksamkeit schenken, genau hinsehen und dem Wandel der künstlerischen Handschrift im Laufe der Jahre und Jahrzehnte folgen.
Das zweite Missverständnis könnte darin bestehen, dass manche von uns, die den Künstler Stefan Bergmann vom Hochrhein kennen, ihn für einen regionalen Künstler halten, der hier bei uns seinem Beruf nachgeht. Das stimmt zwar, stimmt aber auch nicht. Denn Stefan Bergmann ist ein herausragender Maler von mindestens europäischem Zuschnitt. Wenn nicht darüber hinaus. Und er ist ein weitgereister Künstler. Irgendwie ein Weltkind. Ein Weltbürger, der keinem ideologischen Propheten folgte, sondern seinen künstlerischen Weg in der Mitte beschritt und beschreitet. Darüber gleich mehr.
Vorher will ich nur noch kurz darauf hinweisen, drittes mögliches Missverständnis, das ist mittlerweile wohl notwendig, dass meine kleine Ansprache nicht KI-gestützt ist. Sie können also alle meine allfälligen Fehler, Versäumnisse und Fehldeutungen unmittelbar mir zurechnen.
Vielleicht verständigen wir uns zunächst über ein paar Rahmendaten. Stefan Bergmann wurde 1946 in Radeberg bei Dresden geboren. Noch vor dem Mauerbau erfolgte das Rübermachen in den Westen. Und bald schon nahm alles seinen Anfang. Bergmann ging zu HAP Grieshaber, der in ihm schnell den Maler erkannte. Der junge Künstler wechselte zu Horst Antes, ebenfalls an der Akademie Karlsruhe. Er wurde sein Schüler, dann sein Meisterschüler, inzwischen ist er längst sein Freund. Ich durfte die beiden vor ein paar Jahren gemeinsam in Schloss Bonndorf ausstellen.
Gestern schickte Horst Antes Stefan Bergmann einen schönen handschriftlichen Gruß und wünschte ihm viel Erfolg für die heutige Vernissage. Uns, den Besucherinnen und Besuchern, wünschte er freie Augen und frohe Herzen.
Aus der Karlsruher Zeit, aus dem Jahr 1966, stammt Bergmanns op. 1, „Die erste blaue Figur“, die Sie hier sehen und durch die noch ein wenig der Lehrmeister durchschimmert. Der junge Künstler bleibt jedoch nicht stehen, er malt, und ich stelle mir vor: Er malt wie ein Besessener, zunächst, weil preiswerter, mit Emulsion, später mit Acryl. Im Jahr 1967 entsteht das gleichfalls blaue, große „Paradies“ mit zwei abstrakten Figuren und einem Engel.
Es öffnete dem Künstler nicht die Pforten zum Paradies, nein, bewahre, das nicht, aber es schlug andere Türen auf, trug ihm gleich zwei Siege ein: Einmal gewann er mit ihm das Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für London. Und zum Zweiten erreichte er mit ihm die Aufnahme am Royal College of Art, an dem unter anderem Henry Moore und David Hockney studierten.
Stefan Bergmann brauchte sich in den Folgejahren nicht zu verstecken. 1971, 1974, 1977 und 1980 stellte er bei der Londoner Galerie Gimpel Fils aus, 1971 und 1977 bei der Albert White Gallery in Toronto, 1979 bei Gimpel-Hanover und André Emmerich Galerien Zürich, er zeigte Arbeiten beim Deutschen Künstlerbund und im Haus der Kunst München, bei der Biennale von Paris, in der Art Collection Dallas, in der Galerie Brusberg Berlin. Und, und, und. Ein Weltkind eben.
Und Stefan Bergmann reiste. Nach Griechenland, nach Ägypten, Indien, Japan, Afghanistan, Pakistan. Und, und, und. Soviel nur zum regionalen Hochrhein-Künstler. Der übrigens tatsächlich sehr, sehr bodenständig und dankbar ist, hier sein zu können.
Diese Bad Säckinger Ausstellung, deren Werke in der Zeit zwischen den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und 2010 entstanden, wird zu einer Art Zeitreise, die uns einiges über die vergangenen Jahrzehnte erzählt. Doch vor allem wird sie zu einer Reise durch die Entwicklung von Stefan Bergmanns Kunst.
In diesem Raum und im anschließenden dominiert die Farbe Blau. Das aus dem Jahr 1970 stammende Diptychon „Bedroom-Picture“, das kurioserweise nach einer Abbildung in einem Möbelkatalog entstand, sakralisiert beinah das Hochzeits-, das Ehebett. Auch diese Arbeit abstrahiert stark, wie die in Karlsruhe gemalten Bilder, und bleibt dennoch ganz und gar figurativ. In einer Zeit, in der gegenständliche Kunst, gerade in Deutschland, verpönt war. Auch das gehört zu Bergmanns eigenem, persönlichen Weg.
Wenn man weiß, wie zufällig sich Bergmanns Reisen, von Ort zu Ort, von Land zu Land, entwickelt und entfaltet haben, auf der Basis zumindest scheinbar zufälliger Begegnungen, darf man selbstverständlich auch fragen, ob es mit der Entwicklung des Œuvres ähnlich vonstatten ging, wenn zum Beispiel eine Abbildung in einem Möbelkatalog ein großes Werk zur Folge hat.
Aber vielleicht verhält es sich auch so, wie der französische Schriftsteller Julien Gracq es einmal in einer seiner autobiografischen Erzählungen formuliert hat, dass nämlich beim Reisen, und Bergmann ist als Künstler auch im übertragenen Sinn unterwegs, ein Raster im Verlauf dieser inspirierten Wege die Kraftlinien entschlüsselt, die zu den Episoden führen, welche uns im Leben noch erwarten. Zufall oder Schicksal? Wie auch immer: Zufällig sind die Ergebnisse von Bergmanns künstlerischer Arbeit nicht. Ganz im Gegenteil.
Noch weiter in die Verknappung, in die Abstraktion geht das perfekt gemalte blaue Fensterbild, das in einer kleinen Kammer bei Pfarrer Gräb in Öflingen entstand. Es lehrt uns etwas über Anschauung, über Innen und Außen und den dazugehörigen Übergang, Reduktion, Meditation, Mystik, Einsamkeit und Weltzugehörigkeit. Und es zeigt uns, dass wir eine neue Fassung von Lessings „Laokoon oder über die Grenzen von Mahlerey und Poesie“ für die moderne Kunst bräuchten. Denn das Bild offenbart, dass nur Kunst uns solche Objekte zur Verfügung stellen kann, dass nur sie weiß, was Anschauung bedeutet. Die Literatur vermag das nicht.
Doch wohin richtet sich hier der Blick? In die Leere der Landschaft, in unser leeres Ich, in eine Welt ohne Eigenschaften à la Meister Eckhart oder Robert Musil? Wir wissen es nicht. Und wenn wir Stefan Bergmann fragten, würde er wahrscheinlich freundlich lächeln – und schweigen. Darauf kommt es an. Die Antwort erhalten wir nur durch genaue Anschauung.
Die Ausstellung führt uns vor Augen, dass Stefan Bergmann mit der internationalen Hippie-Bewegung in Berührung kam, zufällig oder nicht. Das Gemälde mit den beiden Sitar-Spielern und dem Guru in der Mitte (aus dem Jahr 1973) zum Beispiel hat zwar wieder einen monochrom blauen Hintergrund, zeichnet jedoch die drei Protagonisten, im goldenen Schnitt, nahezu fotorealistisch. Ein religiös-biblisches Motiv im Gewand eines anderen Kulturkreises. Und das begegnet uns mehrfach in diesem Raum.
Es folgen Bilder aus der sogenannten Stein-Zeit. Auf den ersten Blick mögen sie als berückende Landschaften durchgehen. Das sind sie auch. Doch tatsächlich verschränken sich in diesen Werken Reiseeindrücke mit Impulsen, die sich der Beschäftigung mit Zen, mit buddhistischen und hinduistischen Einrichtungen, Lebens- und Denkweisen verdanken.
Und bei den Gedanken- und Malreisen auf den Spuren von Paul Gauguin verbinden sich eigene Ansätze mit jenen des großen Franzosen, die Südsee-Sehnsucht, das französischpolynesische Atuona, wo Gaugin zeitweise lebte und dann starb und begraben wurde, mit dem Murgtal.
Möglicherweise sind Ihnen die hier versammelten Sandburgen am vertrautesten, die Embleme einerseits von Stärke und Schutz und Wehrhaftigkeit, andererseits der Vergänglichkeit. Denn was wäre schneller von Wasser und Wind geschliffen als eine Sandburg von Künstlerhand, von Kindeshand, an irgendeinem Strand?
Vergänglichkeit und Vergeblichkeit sind ohnehin zentrale Themen von Stefan Bergmann, wie etwa das in jeder Hinsicht große Werk „Wie man heiratet und wie man stirbt“, frei nach Émile Zola, unter Beweis stellt, das allerdings nicht hier zu sehen ist.
Dies zeigen freilich auch die Stillleben im letzten Raum. Und bei dieser Gattung sind Vanitas, Vergänglichkeit und Vergeblichkeit seit Jahrhunderten sozusagen im Programm. Nehmen wir nur das umgekippte Weinglas mit den beiden Würfeln. Le jeu est fait, scheint es zu sagen, das Spiel ist aus, und es bringt seine Aussage, wie zu Beginn der Werkgenese, beinahe monochrom zum Ausdruck. Nicht so radikal wie bei Yves Klein, aber mit einer restriktiven, strengen Limitierung der Farbpalette. Will sagen: Das Spiel der Kunst ist ziemlich ernst und streng, alles andere als ein Glücksspiel.
In diesem Sinn sollten wir Stefan Bergmann zurufen: Weiterhin viel Glück mit Kunst und Leben! Prophete rechts, Prophete links, ein Weltkind in der Mitten.
Vielen Dank.



















